Erfolgreiche Corporate
Citizenship-Projekte: Der Wettbewerb Freiheit und Verantwortung
Über 200 Projekte haben sich in den ersten
drei Jahren bis 2003 um den Preis „Freiheit und Verantwortung“
beworben, in ca. 150 Unternehmensbewerbungen. Ich will hier die
Kriterien, die für uns bei der Auswahl der Preisträger
eine Rolle gespielt haben, ins Licht rücken. Was ist Corporate
Citizenship? Unternehmen arbeiten zusammen mit externen Partnern
(Bildungs-, Sozial- und Kultureinrichtungen, Bürgerinitiativen,
Verbänden und Politik), um konkrete Probleme ihres gesellschaftlichen
Umfeldes zu lösen. Corporate Citizens bringen dabei nicht nur
Geld, sondern auch Mitarbeiterengagement, fachliches Know-how, Organisationstalent,
Informationen in diese Kooperation ein.
Erfolgreiche Corporate Citizenship-Projekte
folgen dabei im wesentlichen vier Leitlinien. Sie bringen zunächst
ein strategisches Konzept statt eines Sammelsuriums mehr oder weniger
zufällig zusammengewachsener Engagementformen. Sie realisieren
ihre Projekte in Partnerschaft, statt isoliert zu handeln. Sie bringen
eine breite Verankerung im Unternehmen, statt das ganze Projekt
nur einzelnen Verantwortlichen zuzuordnen, die dann isoliert handeln
müssen. Und sie engagieren sich nachhaltig, statt ein kurzfristiges
PR-Feuerwerk abzubrennen.
Strategie statt Sammelsurium
Das Bild eines ungeordneten Sammelsuriums
von Abteilungen, Zielgruppen, Themen, Förderarten zeichnet
die Realität in vielen Unternehmen. Wo etwa das Konzept eines
Corporate Citizenship Berichtes mit der Praktikantin wechselt, die
ihn zusammengeschrieben hat, da sind noch nicht alle Potenziale
einer professionellen Behandlung des Themas wirklich ausgeschöpft.
Stattdessen ist es wichtig, dass einem glaubwürdigen und langfristigen
Corporate Citizenship-Engagement eine Entscheidung auf Vorstandsebene,
in der Führung des Unternehmens, vorangeht. Wer sind wir, wer
wollen wir in unserem gesellschaftlichen Kontext sein? Wo und in
welchen Problemen wollen wir uns dementsprechend engagieren? Wie
werden die verschiedenen Instrumente des Corporate Citizenship,
die sich hier anbieten, auch professionell implementiert, und vor
allen Dingen zusammengeführt zu einem Gesamtkonzept? Im Bereich
des CC brauchen wir nicht weniger Professionalität, nicht weniger
durchdachtes Engagement als in den Kerngeschäften des Unternehmens
auch.
Als Beispiel dient hier unser Preisträger
in der Kategorie mittlerer Unternehmen, die betapharm Arzneimittel,
Augsburg. Es setzt seine Kernkompetenzen und sein Know-how ein,
um gemeinsam mit der Selbsthilfegruppe „Bunter Kreis“
die Nachsorge bei chronisch kranken Kindern zu verbessern. Es agiert
im Gesundheitsbereich. Ein chronisches Problem dieses Gesundheitsbereichs
ist gerade die Nachsorge, also jene Bereiche, wo die ausdifferenzierte,
professionalisierte Medizin nicht mehr hingelangt. Die Geschäftsführung
von betapharm hat die Entscheidung getroffen, sich hier zu engagieren
und gleichzeitig das Projekt auch breit in die verschiedenen Bereiche
hinein zu kommunizieren. Es handelt sich klar um eine strategische
Ausrichtung, die von der Unternehmensleitung angestoßen und
mitgetragen wird.
Wenn wir den Blick auf die Umsatzentwicklung
bei betapharm richten, dann sehen Sie, dass das Engagement zu einem
Zeitpunkt begonnen wurde, an dem die Aufwärtsbewegung in die
Krise geraten war. Gerade in dieser Situation aber resultierten
aus dem Engagement konkrete betriebliche Vorteile: zum Beispiel
daraus, dass die betapharm-Mitarbeiter stolz sind auf das Engagement.
Wenn etwa die Außendienstmitarbeiter in die Arztpraxen hineinkommen
und zunächst einmal auf das soziale Engagement ihres Unternehmens
verweisen oder ihren Gesprächspartnern die beta–Liste
mit Adressen von Selbsthilfegruppen und sozialrechtlichen Regelungen
in die Hand drücken können, dann fühlen sie sich
selbst besser und können auch andere für ihre Produkte
gewinnen. Dieses ebenso strategische wie intelligente Engagement
hat die Umsatzentwicklung in den Folgejahren wieder nachhaltig gesteigert.
betapharm: ein großartiges Projekt eines großartigen
Unternehmens. Wir sind froh, einen solchen guten Preisträger
gefunden zu haben.
Partnerschaft statt isoliertes Handeln
Isolierte Aktionen ohne Partner enden oft in Sackgassen,
weil die gesellschaftlichen Probleme, die es zu lösen gilt,
nur sehr oberflächlich durchdrungen werden. Hier stellt sich
die zweite Frage: In welchem Bereich will ich mich engagieren, wer
sind die relevanten Partner, die zu mir passen? Was will ich überhaupt
mit meinem Engagement? Michel Porter von der Harvard Business School
hat in einem jüngsten Artikel darauf hingewiesen, dass ‚Strategic
Philanthropy’ auch ganz erhebliche Anreize für NGOs und
Unternehmenspartner schafft, sich zu professionalisieren. Denn auch
sie brauchen den Unternehmenskontakt, um auch ihre eigene Arbeit
besser ausführen zu können.
Partnerschaft statt isoliertes Handeln: Unser Beispiel
ist der Preisträger im Bereich kleine Unternehmen, die Werbeagentur
Xynias, Wetzel, von Büren, München, mit ihrem Projekt
‚Tatendrang’. Im Uno-Jahr des Freiwilligen 2001 will
diese Agentur bürgerschaftliches Engagement, ehrenamtliches
Engagement von Bürgerinnen und Bürgern steigern. Sie tut
sich zusammen mit der städtischen Freiwilligenagentur. Sie
vereint ihre Professionalität und ihr Kommunikationswissen
mit dem Problemwissen der Agentur. So ist es gelungen, die Zahl
der Engagierten zu verdoppeln - und nebenbei einen ganz erheblichen
Imagegewinn auch für die Agentur zu realisieren.
Breite Verankerung im Unternehmen statt einzelne Verantwortliche
Hier unser Beispiel: die „MIT“ – Initiative der
Henkel, Düsseldorf. Die Henkel AG hat in einem kontinuierlichen
jahrelangen Prozess eine innerbetriebliche Infrastruktur zur Förderung
des ehrenamtlichen Engagements der Mitarbeiter aufgebaut. Basis
ist das schon bestehende Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Mitarbeiterengagement wird hier nicht von oben aufgesetzt, sondern
es wird an bereits bestehende Aktivitäten in Vereinen und Verbänden
angeknüpft. Zu deren Unterstützung werden Aktivitäten
lanciert, finanzielle Zuschüsse geleistet. Henkel - Pensionäre
sind systematisch mit einbezogen und engagieren sich wiederum ehrenamtlich
für ein betriebsinternes Netzwerk, das unter anderem eine Datenbank
für Mitarbeiter zur Verfügung stellt, ein Internetportal.
Auch hier wird hohe Mitarbeiterbindung realisiert und die Reputation
für das Unternehmen gesteigert. Zugleich wird das Engagement
der Mitarbeiter in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld spürbar
effektiviert: Das typische Win-Win-Szenario eines gelungenen CC-Projektes.
Nachhaltiges Engagement statt kurzfristiger PR-Aktivitäten
Wenn Sie Corporate Citizenship in zwei Dimensionen
– ‚Zeithorizont des Investments’ auf der einen
Seite und ‚Eingriffstiefe in das gesellschaftliche Umfeld’
auf der anderen Seite - auseinanderlegen, dann realisiert es sich
im Grunde genommen in drei Schritten. Wir haben häufig als
erste Stufe das Sponsoring. Ein Unternehmen gibt nur Geld und lernt
aber dabei - wir haben es auch hier heute in den Beispielen des
Vormittags gehört - potenzielle Partner kennen, mit denen man
kontinuierlicher zusammenarbeitet. Die zweite Stufe ist dann ein
Partnerschaftsprojekt mit zwei bis drei Jahren kontinuierlichen
Engagements und des Einfließens der beiderseitigen Kompetenzen
zu einem gemeinsamen Profil. Die dritte Stufe erreichen schließlich
einige Projekte, die auch auf die Ebene des Bürgers (‚Corporate
Citizen’) vorstoßen.
Hier werden dann Erfahrungen, die in der Projektkooperation
gemacht worden sind, auch in den politischen Prozess zurückgespielt.
Auf dieser Stufe wird also systematisch an der Verbesserung des
institutionellen Umfeldes des Unternehmens gearbeitet. So hat die
betapharm auf dem Hintergrund ihrer Arbeit in der Nachsorge in Berlin
eine Pressekonferenz organisiert, auf der sie eine Gesetzesinitiative
zur Verbesserung der Nachsorge in Deutschland vorgeschlagen hat.
Gesundheitsministerin Schmidt hat daran ebenso teilgenommen wie
Herr Seehofer und die Vorsitzenden der betroffenen Ausschüsse
des Bundestages. Hier findet also nicht nur Arbeit auf Projektebene
statt, sondern diese wird zurückgespiegelt in den politischen
Raum.
Unser Beispiel ist hier das Sieger-Projekt 2002
in der Kategorie große Unternehmen - die Boston Consulting
Group mit ihrem Projekt „Business@school“. Die Boston
Consulting Group arbeitet gemeinsam mit Schülern, Lehrern,
Schulleitungen und Ministerien daran, die Kluft zwischen Schulwesen
und Arbeitswelt zu überbrücken. Höhepunkt ist ein
sehr interessanter Schulwettbewerb, bei dem die besten Geschäftsideen
ausgezeichnet werden - mit der entsprechenden Motivationssteigerung
auch für die Schülerinnen und Schüler. Der kontinuierliche
Ausbau des Projekts schlägt sich im ständigen Wachstum
der Zahl der Schulpartner nieder: Hier ist wirklich etwas zum festen
Bestandteil der Unternehmenskultur geworden. Hier werden Mitarbeiter
breit und in wachsender Zahl integriert, die sich dann ehrenamtlich
an den verschiedenen Standorten in die Schulen hineinbegeben. Wir
haben im übrigen ganz ähnliche Projekte im Bildungsbereich
auch bei BMW, unserem Siegerprojekt 2001- Schulen im gesellschaftlichen
Verbund’. Oder auch das Projekt „Schule und Wirtschaft“
der Deutschen Bank, Alfred-Herrhausen-Stiftung. Die Bedeutung des
bildungspolitischen Engagements der Unternehmen ist gerade angesichts
der schlechten PISA-Werte gar nicht hoch genug einzuschätzen.
Aber es sollte dort ansetzen, wo auch die eigentlichen Kompetenzen
der Wirtschaft liegen: Nämlich die Schülerinnen und Schüler
wirklich mit praxisrelevanten Fragestellungen und Kompetenzen zu
konfrontieren.
Anhand von fünf Leitfragen können also
Unternehmen ihre Positionen bestimmen. Können sie die Logik
ihrer CC-Aktivitäten in wenigen Sätzen zusammenfassen?
Welche Ziele verfolgen sie mit ihren CC-Aktivitäten? Und wie
messen sie die Zielerreichung? Bringen sie die Unternehmenskernkompetenzen
in ihre Aktivitäten ein? Und können sie den Vorteil für
ihr Unternehmen darstellen - und zwar den Vorteil nicht nur für
die Gesellschaft, sondern auch den Vorteil für ihr Unternehmen?
Letzteres ist kein unethisches Anliegen, sondern ist geradezu erwünscht
im Dienste der Nachhaltigkeit des Corporate Citizenship Engagements,
das innerbetrieblich nicht nur von einzelnen, schnell wechselnden
Verantwortungsträgern abhängen soll, sondern dauerhafter
Bestandteil des Unternehmens werden soll.
Corporate Citizenship – die internationale Dimension
Wir haben eine ganze Reihe von Entwicklungen in Politik und Öffentlichkeit,
die uns daran erinnern, dass wir hier keine rein deutsche Binnendiskussion
führen, sondern dass es in der globalisierten Welt des 21.
Jahrhunderts wie selbstverständlich zum Unternehmertum dazugehören
wird, auch in solchen Dimensionen zu denken und zu handeln. Die
Global Compact Initiative der UN ist schon genannt worden, begründet
von Kofi Annan auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2000. Der Weltgipfel
Nachhaltigkeit in Johannesburg 2002 hat in bisher ungekannter Weise
die Rolle der Unternehmen für die globalen Umweltziele auch
organisatorisch dargestellt. Wir haben die CSR-Aktivitäten
und Strategien der EU-Kommission seit 2002, im Rahmen derer sich
ein Multi-Stakeholder-Forum konstituiert hat. In ihrem Papier aus
dem letzten Jahr hat die Kommission sehr weitreichende Ziele bezüglich
der Integration in die verschiedenen Politikbereiche (z.B. public
tendering) formuliert: eine Diskussion, die in Deutschland bisher
noch kaum zur Kenntnis genommen wird. Hinzu kommt eine Reihe von
nationalen Aktivitäten.
Autor: Prof. André Habisch, Katholische
Universität Eichstätt (Stand 2003)
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