Die Weiterentwicklung
der sozialen Marktwirtschaft
Die soziale Marktwirtschaft hat in einem entscheidenden
Moment der deutschen Geschichte nach Weltkrieg und Diktatur eine
zentrale Integrationsfunktion ausgefüllt. Sie hat einen wichtigen
Beitrag zur Versöhnung der Deutschen mit der Moderne geleistet
und dadurch die stabile Entwicklung in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts ermöglicht. In diesem Sinne ist sie ein bedeutsames
"kulturelles Kapital".
Auch heute besteht Bedarf nach ihrer Integrationsleistung. Denn
die Mehrheit der Bevölkerung glaubt nach einer Untersuchung
des Allensbacher Instituts für Demoskopie, dass Arbeitgeber
und -nehmer eher gegensätzliche als gemeinsame Interessen hätten:
Das Klassenkampfdenken gewinnt wieder an Boden. Wo heute kausale
Bezüge zwischen Entlassungen und steigenden Aktienkursen hergestellt
werden, hat dies verheerende Auswirkungen auf die öffentliche
Wahrnehmung und auf die Politik, die eine scheinbar asoziale Wirtschaft
über Steuer- und Sozialgesetze zur Sozialpflichtigkeit zu zwingen
versucht. Damit wird die Axt an die geistige Wurzel der sozialen
Marktwirtschaft gesetzt. Schließlich sind Regulierungen immer
Ausdruck von Misstrauen. Vertrauen ist jedoch die entscheidende
Variable für eine langfristig stabile Entwicklung.
Die Wirtschaft ist gefordert. Sie muss als Teil der Gesellschaft
handeln und ihre Kompetenz auch in die Lösung gesellschaftlicher
Probleme einbringen. Nur dann haben die Unternehmen Aussicht auf
einen Abbau bürokratischer Überregulierung und auf mehr
Spielraum für Eigeninitiative. An die Stelle ordnungsrechtlicher
Verfügungen des Staates können Kooperationen zwischen
Wirtschaft und Zivilgesellschaft treten. Ein wichtiges Instrument
ist dabei die unternehmerische Selbstverpflichtung.
Verglichen mit den angelsächsischen Ländern ist bei uns
ein entsprechendes Bewusstsein noch recht schwach entwickelt. Zu
sehr konnte man sich in der Bundesrepublik darauf verlassen, dass
der Staat die Unternehmen von gesellschaftlicher und moralischer
Verantwortung entlastet. Erst langsam bricht die strikte Trennung
von Wirtschaft und Politik auf, erklären sich die Unternehmen
mitverantwortlich. Diesen Prozess zu fördern, ist Ziel der
Initiative Freiheit und Verantwortung der deutschen Wirtschaft.
Im Grunde geht es um eine Erweiterung des unternehmerischen Horizonts:
Das gesellschaftliche Umfeld wird in die ökonomischen Überlegungen
integriert. Keinesfalls ist damit selbstloses Engagement für
ein Vergelts Gott gemeint. Darauf sollte niemand auch nur zu hoffen
wagen, da ein allzu wohltätiges, ganz und gar altruistisches
Unternehmen am Ende scheitern und seine Mitarbeiter entlassen müsste
und so der Gesellschaft die größte Unwohltat erweisen
würde.
Die Unternehmen müssen begreifen, dass ihr
gesellschaftliches Engagement eine Kooperationskultur mit den Bürgern
ihrer Region schafft, die sich handfest wie Kapital auswirkt. Soziologen
sprechen in diesem Fall von sozialem Kapital. Sozialkapital ist
im Grunde Vertrauen, ein Beziehungsgefüge, das einer Gesellschaft
die dauerhafte Überwindung sozialer Interaktionsprobleme ermöglicht.
Der Harvard-Politologe Robert Putnam weist nach, dass Sozialkapital
zu einer höheren Lebenszufriedenheit, zu weniger Gewalt, besseren
Schulergebnissen, stabileren Familien et cetera führt.
Die Unternehmen profitieren davon, weil Wirtschaft
nicht allein ein technischer Austausch zwischen Produktionsfaktoren
ist, sondern ein höchst voraussetzungsreicher sozialer Interaktionsprozess,
der vielfältig sozial, kulturell und institutionell eingebettet
und bedingt ist. Dieses Sozialkapital wird umso wichtiger, wie das
bisher dominierende Finanzkapital auf den internationalisierten
Märkten global verfügbar wird. Ein intaktes, vertrauensvolles
Umfeld gewinnt damit an strategischer Bedeutung im globalen wie
auch regionalen Wettbewerb.
Unternehmen sind hier durchaus auch Reagierende.
Denn die Bevölkerung schreibt den Unternehmen immer mehr Mitverantwortung
bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu. In den USA und
in England hat sich im Wechselspiel zwischen Betrieben und Bürgern
längst ein Klima des Honorierens von gesellschaftlichem Engagement
der Wirtschaft entwickelt. Corporate Citizenship ist dort nicht
mehr wegzudenken und entscheidet über Wohl und Wehe von Business
und Communities.
In Deutschland wird bürgerschaftliches Engagement
der Unternehmen darüber hinaus letztlich über die Zukunft
der sozialen Marktwirtschaft entscheiden. Die wirtschaftliche und
auch gesellschaftliche Rahmenordnung wird im 21. Jahrhundert nicht
mehr nur vom (National-)Staat gestaltet, sondern in zunehmendem
Maße auch von "bürgerschaftlichen" Akteuren.
Dazu müssen die Selbststeuerungspotenziale moderner Gesellschaften
aktiviert werden.
Soziales Kapital, ein vertrauensvolles Kooperationsverhältnis
ist in dieser Umbruchphase moderner Gesellschaften ein unermesslicher
Wert. Und es hilft in einem zivilisationsgeschichtlichen Prozess,
der während des zurückliegenden 20. Jahrhunderts im Kampfgetöse
gegen allerlei atavistische Totalitarismen aus dem Blick zu geraten
drohte: Die (oft durchaus noch experimentelle!) Weiterentwicklung
der Demokratie.
Autor: André Habisch,
Professor an der Katholischen Universität Eichstätt,
leitet dort das Center for Corporate Citizenship.
Die Bedeutung der Freiheit
"Die Furcht vor der Freiheit" so ist
eine furiose Abhandlung Erichs Fromms über die sozialen, kulturellen
und individuellen Bedingungen der Freiheit überschrieben. Es
ist ein Blick zurück in die Geschichte vor dem Hintergrund
der Barbarei der nationalsozialistischen Diktatur. Sein Fazit lautet:
Wir haben die Wahl. Gerade in gesellschaftlichen Krisensituationen
entscheidet sich (immer wieder) neu die Richtung. Es geht um Sieg
oder Niederlage der Freiheit.
50 Jahre später haben wir es mit einer neuen
"Furcht vor der Freiheit" zu tun. Globalisierung mit weltweitem
Wettbewerb, Weltinnenpolitik, Wertewandel, flexibilisierte Arbeitswelt,
neuartige Technologien, weltweite Kommunikation, alternde Bevölkerungen,
Wissensgesellschaft und "new economy" sind Zeichen schnellen,
fundamentalen Wandels.
Wie reagieren wir auf diesen fundamentalen Wandel?
Geben wir zu: Es gibt zarte Pflänzchen gesellschaftlicher Erneuerung,
aber vorherrschend ist noch immer viel altes Denken und vor allem:
ängstliches Festhalten an Besitzständen. Veränderung
wenn es denn nicht anders geht, aber bitte nicht bei mir, so lautet
das Ergebnis von Meinungsumfragen. Nur: So kommen wir nicht weiter.
Es geht um die Wiederentdeckung von Freiheit, von selbsttätiger
Einmischung. Freiheit heißt Wandlungsfähigkeit.
Unser Leitbild für das 21. Jahrhundert ist
die "starke Demokratie" (Benjamin Barber). Diese grenzt
keinen aus, sondern baut Brücken in die Gesellschaft. Starke
Demokratie, das heißt die Gestaltung der strukturellen Umbrüche
durch eine aktive Bürgergesellschaft. Es geht um selbstbewusste
Bürger, die die Chancen der Freiheit verantwortlich wahrnehmen.
Und um Organisationen Staat, Unternehmen, Institutionen und Verbände
, die sich auch als soziale Einrichtungen verstehen und für
die der eigene Beitrag zum Gemeinwohl Kernbestandteil ihres Selbstverständnisses
ist. Wer eine starke Demokratie will, muss deren Teile stärken.
Eine Politik des Wandels der Staatstätigkeit,
der Erweiterung auf die Europäische Union und einer beginnenden
Ausformung der Weltgesellschaft fordert zugleich den Vorrang für
eine Politik, die die kleinen Einheiten stärkt. Das ist die
große Renaissance des Subsidären und Föderalen,
des Kommunalen und der Regionen, der Netzwerke und kleinen Gemeinschaften.
Das ist auch die Neuentdeckung von Ludwig Erhard,
für den Wirtschafts- und Sozialpolitik immer Gesellschaftspolitik
war, als untrennbare Bestandteile der Sozialen Marktwirtschaft.
Was Wettbewerb und Marktkoordination für die Wirtschaft ist,
das ist für die Gesellschaft Ehrenamt, Freiwilligentätigkeit
und Selbsthilfe. Die "Starke Demokratie" lebt von einer
Neuanordnung von Rechten und Pflichten, von Eigeninteresse und Solidarität,
von Vorteilen aus Wettbewerb und Kooperation.
Dies alles lässt sich beschreiben als das
"magische Viereck" einer aktiven Bürgergesellschaft,
die das große soziale Kapital unserer Gesellschaft aktiviert:
Ein Starker Staat ist ein Katalysator für das Freiwilligenengagement
der Bürger und aktiviert die Kräfte von Familien, Schulen,
Unternehmen, Vereinen und Organisationen, statt alles selbst zu
regeln.
Starke Unternehmen verstehen sich als Wertschöpfungsgemeinschaften,
die von der Gesellschaft profitieren und deshalb auch im Sinne des
corporate citizenship für die Gesellschaft etwas tun.
Starke gesellschaftliche Einrichtungen sorgen für
die Vernetzung von professioneller Arbeit und ehrenamtlichem Engagement,
bilden sozial unterstützende Kooperativen, Netzwerke und Stiftungen.
Starke Bürger vertrauen auf ihre eigenen Kräfte
und übernehmen Verantwortung für sich und andere, engagieren
sich in Familie, Schule, Arbeit, Politik oder in gesellschaftlichen
Problemfeldern.
Wenn in dieser Weise Staat und Unternehmen, Stiftungen
und Verbände, Initiativen und Bürger Projekte unterstützen,
tragfähige soziale Netzwerke knüpfen, erweiterte Beteiligungsmöglichkeiten
in den kleinen Einheiten etablieren, dann kann das ganze kreative
Potenzial unser Gesellschaft zum Tragen kommen. Die unsichtbare
Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichen,
sondern auch zu sozialem Reichtum. Dies schaffen weder Unternehmen
allein noch die bunten Initiativen, weder der Staat noch die Kirchen
oder Gewerkschaften. Dieser soziale Schatz wird nur gemeinsam gehoben
werden können Partnerschaft statt Klassenkampf, Mündigkeit
des Einzelnen und Solidarität der vielen statt Zentralismus
und wahlfahrtsstaatlicher Bürokratismus.
Eine schöne neue Welt? Nein, kein Utopia.
Es geht um ein erneuertes bürgerschaftliches Gemeinwesen die
Verbindung von starker Demokratie und wirtschaftlichem Wohlstand
im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung. Um unser wirtschaftliches
und soziales Kapital. Nicht Furcht vor der Freiheit, sondern Freude
an der Freiheit im Wettbewerb und Kooperation, als Individuum und
als Gemeinschaft. Die wahre Entdeckungsreise, sagt Marcel Proust,
liegt nicht daran, neue Länder zu erkunden, sondern die Wirklichkeit
mit anderen Augen zu sehen. Mit Blick auf den Strukturumbruch, den
wir gegenwärtig erleben, heißt das: In Arbeit ist nichts
weniger als ein neuer Gesellschaftsvertrag.
Autor: Friedrich Merz, CDU-Politiker
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