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Corporate Citizenship

 

 

 

Andre Habisch
Prof. André Habisch vom Center for Corporate Citizenship.

Friedrich Merz
Friedrich Merz, CDU-Politiker

 

 

 

 

 

 

Die Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft


Die soziale Marktwirtschaft hat in einem entscheidenden Moment der deutschen Geschichte nach Weltkrieg und Diktatur eine zentrale Integrationsfunktion ausgefüllt. Sie hat einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung der Deutschen mit der Moderne geleistet und dadurch die stabile Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglicht. In diesem Sinne ist sie ein bedeutsames "kulturelles Kapital".

Auch heute besteht Bedarf nach ihrer Integrationsleistung. Denn die Mehrheit der Bevölkerung glaubt nach einer Untersuchung des Allensbacher Instituts für Demoskopie, dass Arbeitgeber und -nehmer eher gegensätzliche als gemeinsame Interessen hätten: Das Klassenkampfdenken gewinnt wieder an Boden. Wo heute kausale Bezüge zwischen Entlassungen und steigenden Aktienkursen hergestellt werden, hat dies verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung und auf die Politik, die eine scheinbar asoziale Wirtschaft über Steuer- und Sozialgesetze zur Sozialpflichtigkeit zu zwingen versucht. Damit wird die Axt an die geistige Wurzel der sozialen Marktwirtschaft gesetzt. Schließlich sind Regulierungen immer Ausdruck von Misstrauen. Vertrauen ist jedoch die entscheidende Variable für eine langfristig stabile Entwicklung.

Die Wirtschaft ist gefordert. Sie muss als Teil der Gesellschaft handeln und ihre Kompetenz auch in die Lösung gesellschaftlicher Probleme einbringen. Nur dann haben die Unternehmen Aussicht auf einen Abbau bürokratischer Überregulierung und auf mehr Spielraum für Eigeninitiative. An die Stelle ordnungsrechtlicher Verfügungen des Staates können Kooperationen zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft treten. Ein wichtiges Instrument ist dabei die unternehmerische Selbstverpflichtung.

Verglichen mit den angelsächsischen Ländern ist bei uns ein entsprechendes Bewusstsein noch recht schwach entwickelt. Zu sehr konnte man sich in der Bundesrepublik darauf verlassen, dass der Staat die Unternehmen von gesellschaftlicher und moralischer Verantwortung entlastet. Erst langsam bricht die strikte Trennung von Wirtschaft und Politik auf, erklären sich die Unternehmen mitverantwortlich. Diesen Prozess zu fördern, ist Ziel der Initiative Freiheit und Verantwortung der deutschen Wirtschaft.

Im Grunde geht es um eine Erweiterung des unternehmerischen Horizonts: Das gesellschaftliche Umfeld wird in die ökonomischen Überlegungen integriert. Keinesfalls ist damit selbstloses Engagement für ein Vergelts Gott gemeint. Darauf sollte niemand auch nur zu hoffen wagen, da ein allzu wohltätiges, ganz und gar altruistisches Unternehmen am Ende scheitern und seine Mitarbeiter entlassen müsste und so der Gesellschaft die größte Unwohltat erweisen würde.

Die Unternehmen müssen begreifen, dass ihr gesellschaftliches Engagement eine Kooperationskultur mit den Bürgern ihrer Region schafft, die sich handfest wie Kapital auswirkt. Soziologen sprechen in diesem Fall von sozialem Kapital. Sozialkapital ist im Grunde Vertrauen, ein Beziehungsgefüge, das einer Gesellschaft die dauerhafte Überwindung sozialer Interaktionsprobleme ermöglicht. Der Harvard-Politologe Robert Putnam weist nach, dass Sozialkapital zu einer höheren Lebenszufriedenheit, zu weniger Gewalt, besseren Schulergebnissen, stabileren Familien et cetera führt.

Die Unternehmen profitieren davon, weil Wirtschaft nicht allein ein technischer Austausch zwischen Produktionsfaktoren ist, sondern ein höchst voraussetzungsreicher sozialer Interaktionsprozess, der vielfältig sozial, kulturell und institutionell eingebettet und bedingt ist. Dieses Sozialkapital wird umso wichtiger, wie das bisher dominierende Finanzkapital auf den internationalisierten Märkten global verfügbar wird. Ein intaktes, vertrauensvolles Umfeld gewinnt damit an strategischer Bedeutung im globalen wie auch regionalen Wettbewerb.

Unternehmen sind hier durchaus auch Reagierende. Denn die Bevölkerung schreibt den Unternehmen immer mehr Mitverantwortung bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu. In den USA und in England hat sich im Wechselspiel zwischen Betrieben und Bürgern längst ein Klima des Honorierens von gesellschaftlichem Engagement der Wirtschaft entwickelt. Corporate Citizenship ist dort nicht mehr wegzudenken und entscheidet über Wohl und Wehe von Business und Communities.

In Deutschland wird bürgerschaftliches Engagement der Unternehmen darüber hinaus letztlich über die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft entscheiden. Die wirtschaftliche und auch gesellschaftliche Rahmenordnung wird im 21. Jahrhundert nicht mehr nur vom (National-)Staat gestaltet, sondern in zunehmendem Maße auch von "bürgerschaftlichen" Akteuren. Dazu müssen die Selbststeuerungspotenziale moderner Gesellschaften aktiviert werden.

Soziales Kapital, ein vertrauensvolles Kooperationsverhältnis ist in dieser Umbruchphase moderner Gesellschaften ein unermesslicher Wert. Und es hilft in einem zivilisationsgeschichtlichen Prozess, der während des zurückliegenden 20. Jahrhunderts im Kampfgetöse gegen allerlei atavistische Totalitarismen aus dem Blick zu geraten drohte: Die (oft durchaus noch experimentelle!) Weiterentwicklung der Demokratie.
Autor: André Habisch, Professor an der Katholischen Universität Eichstätt, leitet dort das Center for Corporate Citizenship.


Die Bedeutung der Freiheit

"Die Furcht vor der Freiheit" so ist eine furiose Abhandlung Erichs Fromms über die sozialen, kulturellen und individuellen Bedingungen der Freiheit überschrieben. Es ist ein Blick zurück in die Geschichte vor dem Hintergrund der Barbarei der nationalsozialistischen Diktatur. Sein Fazit lautet: Wir haben die Wahl. Gerade in gesellschaftlichen Krisensituationen entscheidet sich (immer wieder) neu die Richtung. Es geht um Sieg oder Niederlage der Freiheit.

50 Jahre später haben wir es mit einer neuen "Furcht vor der Freiheit" zu tun. Globalisierung mit weltweitem Wettbewerb, Weltinnenpolitik, Wertewandel, flexibilisierte Arbeitswelt, neuartige Technologien, weltweite Kommunikation, alternde Bevölkerungen, Wissensgesellschaft und "new economy" sind Zeichen schnellen, fundamentalen Wandels.

Wie reagieren wir auf diesen fundamentalen Wandel? Geben wir zu: Es gibt zarte Pflänzchen gesellschaftlicher Erneuerung, aber vorherrschend ist noch immer viel altes Denken und vor allem: ängstliches Festhalten an Besitzständen. Veränderung wenn es denn nicht anders geht, aber bitte nicht bei mir, so lautet das Ergebnis von Meinungsumfragen. Nur: So kommen wir nicht weiter. Es geht um die Wiederentdeckung von Freiheit, von selbsttätiger Einmischung. Freiheit heißt Wandlungsfähigkeit.

Unser Leitbild für das 21. Jahrhundert ist die "starke Demokratie" (Benjamin Barber). Diese grenzt keinen aus, sondern baut Brücken in die Gesellschaft. Starke Demokratie, das heißt die Gestaltung der strukturellen Umbrüche durch eine aktive Bürgergesellschaft. Es geht um selbstbewusste Bürger, die die Chancen der Freiheit verantwortlich wahrnehmen. Und um Organisationen Staat, Unternehmen, Institutionen und Verbände , die sich auch als soziale Einrichtungen verstehen und für die der eigene Beitrag zum Gemeinwohl Kernbestandteil ihres Selbstverständnisses ist. Wer eine starke Demokratie will, muss deren Teile stärken.

Eine Politik des Wandels der Staatstätigkeit, der Erweiterung auf die Europäische Union und einer beginnenden Ausformung der Weltgesellschaft fordert zugleich den Vorrang für eine Politik, die die kleinen Einheiten stärkt. Das ist die große Renaissance des Subsidären und Föderalen, des Kommunalen und der Regionen, der Netzwerke und kleinen Gemeinschaften.

Das ist auch die Neuentdeckung von Ludwig Erhard, für den Wirtschafts- und Sozialpolitik immer Gesellschaftspolitik war, als untrennbare Bestandteile der Sozialen Marktwirtschaft. Was Wettbewerb und Marktkoordination für die Wirtschaft ist, das ist für die Gesellschaft Ehrenamt, Freiwilligentätigkeit und Selbsthilfe. Die "Starke Demokratie" lebt von einer Neuanordnung von Rechten und Pflichten, von Eigeninteresse und Solidarität, von Vorteilen aus Wettbewerb und Kooperation.

Dies alles lässt sich beschreiben als das "magische Viereck" einer aktiven Bürgergesellschaft, die das große soziale Kapital unserer Gesellschaft aktiviert: Ein Starker Staat ist ein Katalysator für das Freiwilligenengagement der Bürger und aktiviert die Kräfte von Familien, Schulen, Unternehmen, Vereinen und Organisationen, statt alles selbst zu regeln.
Starke Unternehmen verstehen sich als Wertschöpfungsgemeinschaften, die von der Gesellschaft profitieren und deshalb auch im Sinne des corporate citizenship für die Gesellschaft etwas tun.

Starke gesellschaftliche Einrichtungen sorgen für die Vernetzung von professioneller Arbeit und ehrenamtlichem Engagement, bilden sozial unterstützende Kooperativen, Netzwerke und Stiftungen.

Starke Bürger vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und übernehmen Verantwortung für sich und andere, engagieren sich in Familie, Schule, Arbeit, Politik oder in gesellschaftlichen Problemfeldern.

Wenn in dieser Weise Staat und Unternehmen, Stiftungen und Verbände, Initiativen und Bürger Projekte unterstützen, tragfähige soziale Netzwerke knüpfen, erweiterte Beteiligungsmöglichkeiten in den kleinen Einheiten etablieren, dann kann das ganze kreative Potenzial unser Gesellschaft zum Tragen kommen. Die unsichtbare Hand, von der Adam Smith sprach, führt dann nicht nur zu wirtschaftlichen, sondern auch zu sozialem Reichtum. Dies schaffen weder Unternehmen allein noch die bunten Initiativen, weder der Staat noch die Kirchen oder Gewerkschaften. Dieser soziale Schatz wird nur gemeinsam gehoben werden können Partnerschaft statt Klassenkampf, Mündigkeit des Einzelnen und Solidarität der vielen statt Zentralismus und wahlfahrtsstaatlicher Bürokratismus.

Eine schöne neue Welt? Nein, kein Utopia. Es geht um ein erneuertes bürgerschaftliches Gemeinwesen die Verbindung von starker Demokratie und wirtschaftlichem Wohlstand im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung. Um unser wirtschaftliches und soziales Kapital. Nicht Furcht vor der Freiheit, sondern Freude an der Freiheit im Wettbewerb und Kooperation, als Individuum und als Gemeinschaft. Die wahre Entdeckungsreise, sagt Marcel Proust, liegt nicht daran, neue Länder zu erkunden, sondern die Wirklichkeit mit anderen Augen zu sehen. Mit Blick auf den Strukturumbruch, den wir gegenwärtig erleben, heißt das: In Arbeit ist nichts weniger als ein neuer Gesellschaftsvertrag.
Autor: Friedrich Merz, CDU-Politiker

 

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