Der Ablass-Kapitalisimus
WirtschaftsWoche-Autor Christian Ramthun über das zunehmende Geschäft mit dem guten Gewissen Wie ein Messias schwebte Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des
Umweltprogramms der Vereinten Nationen, aus Nairobi in den Frankfurter
Kapitalistentempel ein. Die vielen ökologischen und sozialen Effekte ihres
Handelns seien von den Unternehmen "noch nicht richtig eingepreist",
verkündete er in der Alten Börse. Dorthin hatte die renommierte European
Business School (EBS) aus Oestrich-Winkel zur Konferenz "Sustainable
Investment 2005" mehr als 250 Banker und Broker, Vertreter von
Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) eingeladen. Es gehe "nicht nur um wishful thinking von Ökobewegten", dröhnte der frühere
Bundesumweltminister, sondern um hartes Business von "renommierten
Brokerhäusern wie Merrill Lynch". "Corporate Social Responsibility" (CSR)
war im Zentrum der deutschen Finanzwelt angekommen.
Die Industrie wurde von der CSR-Welle schon vorher überrollt. Von Allianz
bis Volkswagen bauen Unternehmen eigene CSR-Stäbe auf, werkeln in
Netzwerken und finanzieren unter dem Dach des Bundesverbandes der
Deutschen Industrie (BDI) eine Plattform namens Econsense. Die Stiftung
Warentest prüft Outdoor-Jacken und Waschmittel nicht nur auf
Wetterfestigkeit und Waschleistung, sie kommentiert neuerdings auch das
soziale Engagement der Hersteller. Wissenschaftliche Institutionen - wie
die European Business School - richten Sustainability-Lehrstühle ein. Die
EU-Kommission rief 2005 zum CSR-Jahr aus und arbeitet Leitlinien aus.
Im Kielwasser der anschwellenden Kapitalismuskritik hier zu Lande, die
nach stärkerer Sozialbindung des Eigentums verlangt, droht CSR zu einer
neuen Form der Mitbestimmung zu entarten. Die CSR-Verfechter rütteln an
den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft, die Ludwig Erhard einst mit
den Leitbildern Freiheit und Verantwortung formulierte. Danach setzt dieÜbernahme von Verantwortung die Freiheit dazu voraus. Diese wird indes
durch den anschwellenden Zwang zu gesellschaftlichem Wohlverhalten, ob
durch öffentlich inszenierten Druck oder Vorschriften, konterkariert. Die
Verantwortungsimperialisten unterstellen, dass der ungeliebte Kapitalismus
nicht dem gesellschaftlichen Interesse dient. In diesem Klima mutieren
Unternehmen zu beladenen Sündern, die sich durch fremdbestimmtes
gesellschaftliches Engagement erst reinwaschen müssen. Die Marktwirtschaft
droht zum Ablass-Kapitalismus zu verkommen.
Längst bröckelt der freiwillige Charakter, auf dem die CSR-Aktivitäten der
Wirtschaft bisher fast ausschließlich beruhen. Betriebsräte und
Gewerkschaftsfunktionäre sollen "sich stärker mit NGOs und Ratingagenturen
austauschen, um Verbündete zu finden", empfiehlt bereits die
gewerkschaftseigene Hans-Böckler-Stiftung. Die Unternehmen bekommen den
CSR-Druck konkret zu spüren.
So zum Beispiel KarstadtQuelle, vor dessen Warenhäusern Greenpeace, Oxfam,
Attac und andere NGOs gern mit Protestplakaten ("Made in Hell", "Gegen
Hungerlöhne") gegen angeblich auf unsoziale oder unethische Weise
produzierte Waren agitieren, viele Kunden verunsichern und auch
mobilisieren. "Dann wird unser Computersystem schon mal von 10 000 E-Mails
verstopft", berichtet Heinz-Dieter Koeppe, der bei KarstadtQuelle nur für
umwelt- und gesellschaftspolitische Fragen zuständig ist. "Eine kleine
Minderheit bei täglich drei Millionen Kunden, die wir aber leider nicht
ignorieren können." Um sich gegen die Anfeindungen zu schützen, baut der
angeschlagene Konzern mit Millionenaufwand ein Supply-Chain-Kontrollsystem
auf, das als sozialverantwortlicher Tätigkeitsnachweis gegenüber NGOs
dienen soll.
Neuerdings bedrängen nicht nur NGOs, sondern auch Wirtschaftsprüfer und
Berater "systematisch die verunsicherten Unternehmen", kritisiert der
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Davon lassen sich
selbst gestandene Unternehmenslenker beeindrucken. Beim jährlichen
Weltwirtschaftsforum in Davos diskutierten die versammelten Topmanager
voller Inbrunst über Aids, Schuldenerlass und Tsunami-Warnsysteme. Sie
reden von "giving back", als hätten sie zuvor "etwas gestohlen", wundert
sich Nestlé-Ehrenpräsident Helmut Maucher über diesen"Ja-aber-Kapitalismus".
Ideologie, Halbwissen und Engstirnigkeit auf Seiten der Gutmenschen,
mangelnde Argumentationsfähigkeit und ein schlechtes Gewissen bei den
Managern sowie blankes Eigeninteresse der CSR-Referenten und -Berater
haben eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. "Die schaukeln sich gegenseitig
hoch", so Klaudia Hüls vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag
(DIHK) und beobachtet sorgenvoll das wuchernde Beziehungsgeflecht zwischen
Managern und Aktivisten.
Bei der Konferenz "Sustainable Investment 2005" zum Beispiel puschte
Stargast Töpfer den anfangs eher zurückhaltenden Geschäftsführer des
Deutschen Aktieninstituts, Rüdiger von Rosen, derart auf, dass dieser
schließlich von einem "Frankfurter Manifest für Nachhaltigkeit"
fabulierte, "das in die Welt ausgehen möge". Ulrich Hommel von der EBS
offenbarte sich an gleicher Stelle mit dem Bekenntnis, dass "Kapitalmärkte
doch eine Seele haben".
Auf solch emotionale Aufwallungen hatten CSR-Berater wie Matthias Bönning
von Oekom Research oder Reto Ringger von der Schweizer SAM nur gewartet,
sie nutzten ihren Auftritt vor der Frankfurter Finanzwelt flugs dazu, ihre
Audits und Ratingverfahren für nachhaltiges Wirtschaften anzupreisen. Im
Kampf um Kunden unterscheidet sich die CSR-Beraterzunft mitunter keinen
Deut von Drückerkolonnen, die Zeitschriften-Abos an der Haustür
verkloppen. "Jede Woche bieten uns diverse Berater ihre Dienste an",
berichtet Lothar Meinzer vom Chemieriesen BASF. Um ihren Offerten Druck zu
verleihen, drohen einige dieser Dienstleister unterschwellig mit
wissenschaftlichen Studien und Ranglisten, in denen sie die Unternehmen
auf ihre soziale Verantwortung hin untersuchen.
Eine dieser Ranglisten initiierte vor kurzem Klaus Rainer Kirchhoff. Mit
seiner Kirchhoff Consult schreibt er seit Jahren für Unternehmen die
Geschäftsberichte. Nun drängt er in den Markt für achhaltigkeitsberichte
und CSR-Kommunikationsberatung. Die in Deutschland weit hinter den Big
Players KPMG und PricewaterhouseCoopers herhinkende
Wirtschaftsprüfgesellschaft Deloitte überredete er zu einem PR-trächtigen
CSR-Ranking. Deloitte stellte einen sechsstelligen Euro-Betrag für das
Projekt zur Verfügung. Kirchhoff brachte das "Manager Magazin" als
Medienpartner ein. Dort wirkt er schon seit Jahren an einer Rangliste der
besten Geschäftsberichte mit, das ihm hübsche Aufträge beschert. Mehr als
die Hälfte der Dax-Unternehmen, brüstet sich Kirchhoff, lasse sich von ihm
mittlerweile die Geschäftsberichte herrichten.
Nach der gleichen Masche soll nun offenbar das neue "Good Company" Ranking
funktionieren. Bewertet wird, wie sich die größten europäischen
Unternehmen in Nachhaltigkeitsberichten und im Internet präsentieren. Bei
der ersten Rangliste wurde der britische Ölkonzern BP als "Europas
sozialstes Unternehmen" gekürt, gefolgt vom Rohstoffmulti Anglo American
und der Deutschen Post World Net. Der dritte Platz für ein deutsches
Unternehmen gilt den Bewertern wohl als Ausrutscher, ihre Quintessenz
lautet: "Deutsche Konzerne müssen dazulernen." Wie, das erfahren die
Manager Tage später. Per Post dient Kirchhoff allen Managern seine Dienste
an, die "von mir wissen wollen, wie das CSR-Konzept in das operative
Geschehen integriert und weiterentwickelt werden kann".
Auch bei einer anderen Rangliste geht es vor allem ums Geschäft: Für das
Wirtschaftsmagazin "Capital" beurteilen das Beratungsinstitut Future und
das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung ebenfalls die
Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen und offerieren zugleich den
Workshop "Bescheidenheit ist (k)eine Zier:
Nachhaltigkeitsberichterstattung in Deutschland" - gegen 500 Euro Gebühr.
Sieger dieses nationalen Rankings sind in 2005 Henkel vor KarstadtQuelle
und Otto-Versand. KarstadtQuelle lässt sich von Future beraten.
Zweifel an Sinn und Seriosität der Nachhaltigkeits-Rangliste weckt vor
allem der offenbare Befund, dass der zweitplatzierte KarstadtQuelle
derzeit kaum besonders nachhaltig aufgestellt ist. Der Konzern wankt, wird
womöglich zerschlagen, muss tausende Mitarbeiter entlassen und diesen die
größte nur denkbare soziale Härte zufügen - und bekommt zugleich glänzende
CSR-Noten? Was KarstadtQuelle und viele andere Unternehmen in Sachen CSR
bisher tun, ist kaum mehr als eine Art Ablasshandel: Man erkauft sich Ruhe.
Was soziale Verantwortung von Unternehmen bedeutet, darüber gehen die
Meinungen in der Community weit auseinander, berichtet der Konstanzer
Wirtschaftsethiker Josef Wieland, der in den neu gegründeten
DIN-Arbeitsausschuss "Gesellschaftliche Verantwortung von Organisationen"
und in die Internationale Standardisierungs-organisation ISO berufen wurde,
um einen CSR-Standard zu entwickeln.
Das würde sicher helfen. Doch wie könnte ein solcher Standard überhaupt
aussehen? Der einfachste wäre sicher: Sozial ist, was Arbeit schafft.
Danach ließe sich CSR an der Zahl der neu geschaffenen oder erhaltenen
zukunftsfesten Arbeitsplätze messen. Doch das wäre den Beratern und
Wirtschaftsprüfern sicher zu wenig. Denn das bringt kein Geschäft. Sie
wollen es lieber komplizierter und teurer und verweisen etwa auf die Dow
Jones Sustainability Indizes (DJSI), in denen weltweit führende
Unternehmen mit bestimmten sozialen und ökologischen Standards gelistet
sind. Von Anfang 1994 bis Ende 2004 sei der DJSI World um 181 Prozent
gestiegen, der konventionelle MSCI World hingegen nur um 131 Prozent. Der
Haken indes: Der DJSI World wurde erst im Jahr 2001 eingeführt, der
beeindruckende Erfolg kommt allein durch so genanntes "backcasting" zu
Stande. Dabei entsteht eine virtuelle Performance, indem die
Kursentwicklung vor Beginn des Indexes dargestellt wird. Außerdem, so
erläutert Ralf Oberbannscheidt von der Investmentfondsgesellschaft der
Deutschen Bank, DWS, seien im Dow-Jones-Nachhaltigkeitsindex mehr
europäische Aktien vertreten, die generell eine besserer Performance
gezeigt hätten als US-Werte, die im MSCI ein stärkeres Gewicht haben.
Tatsächlich erreichen die so genannten "Social Responsible Investments"
(SRI) "keine signifikante Outperformance, wohl aber höhere Risiken",
urteilt Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung
in Mannheim nach Auswertung aller 29 marktgängigen SRI-Indizes. Dies liege
besonders an der geringeren Auswahl durch das Ausgrenzen "unsozialer"
Aktienwerte.
Dennoch steigt das SRI-Volumen rasch an und hat in Europa rund 500
Milliarden Euro erreicht. Allein 400 Milliarden entfallen jedoch auf
Kapital aus Großbritannien, wo die Pensionsfonds per Gesetz zu sozialem, ökologischem und ethischem Investment angehalten werden. Auch in den
skandinavischen Ländern explodierte nachhaltiges Investment, seit dort die
Pensionskassen dazu gesetzlich verpflichtet sind.
In Deutschland dagegen, wo bisher kein staatlicher Zwang besteht, haftet
SRI bestenfalls ein "modischer Touch" an, konstatiert Dominicus Freiherr
von Mentzingen, von der UBS Global Asset Management. Auch DWS-Manager
Oberbannscheidt stellt fest: "Es ist schwierig, Privatkunden SRI-Produkte
zu verkaufen." Aus dem Schattendasein heraus käme der deutsche SRI-Markt
denn auch nur, "wenn öffentliche Rentenfonds per Beschluss im
Bundesanzeiger auf Nachhaltigkeit verpflichtet würden", meint etwa Hanns
Michael Hölz, der bei der Deutschen Bank weltweit das gesellschaftliche
Engagement koordiniert.
Noch kämpft die deutsche Wirtschaft gegen staatliche Bevormundung. Mit dem
Versuch, die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen zu regeln,
würden "die Prinzipien unserer sozialen Marktwirtschaft infrage gestellt",
warnt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der durch CSR "die
unternehmerische Freiheit zunehmend bedroht" sieht. "Keiner von denen
trägt Verantwortung für die Wertschöpfung in Deutschland", empört sich
BDI-Geschäftsführer Klaus Bräunig: "Da werden Arbeitsplätze nachhaltig
gefährdet."
Die größte Gefahr sieht die deutsche Wirtschaft aus Europa dräuen. In
Brüssel drängen NGOs die EU-Kommission zu CSR. Diese hob sogar selbst eine
NGO aus der Taufe: CSR Europe kassierte in den ersten Jahren Gelder von
der EU-Kommission, muss sich inzwischen aber über
Unternehmensmitgliedschaften finanzieren. Die gut 17 000 Euro
Jahresbeitrag pro Unternehmen, wirbt CSR Europe, seien schon deshalb gut
angelegt, weil sie direkten Zugang zur EU-Kommission verschafften.
An der Spitze der Brüsseler Kommission postuliert Industriekommissar
Günter Verheugen derzeit zwar "Vorfahrt für die Wirtschaft", um das 2000
gesetzte Ziel von Lissabon doch noch zu erreichen, Europa bis 2010 zum
stärksten Wirtschaftsraum » der Welt zu machen. Zu schaffen sei dies aber
nur, so Verheugen, wenn den Unternehmen keine zusätzliche Soziallasten
aufgebürdet würden - etwa in Form einer CSR-Richtlinie. Doch die
Wirtschaft bleibt skeptisch. Nicht nur die einschlägigen NGOs drängen
weiter auf gesetzliche Vorschriften, sondern auch manche nationale
Regierung.
Besonders in Großbritannien, das im zweiten Halbjahr 2005 die
EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, ist CSR ein Megathema. Ministerpräsident
Tony Blair hat sogar einen Staatssekretär für CSR berufen und Thronfolger
Prinz Charles präsidiert der mächtigen Organisation Business in the
Community (BITC), die von über 700 Unternehmen getragen wird.
Allerdings ist die Situation in Großbritannien auch eine andere als hier
zu Lande. Die Briten versuchen mit CSR-Aktivitäten soziale Härten
auszugleichen, die durch den marktwirtschaftlichen Erneuerungsprozess von
Margaret Thatcher entstanden sind. In Deutschland hingegen hat die soziale
Marktwirtschaft über Jahrzehnte zu einer permanenten Ausweitung von
Wohlfahrtsstaat und Sozialgesetzen geführt. Selbst die rot-grüne Regierung
möchte da nicht noch mit CSR-Vorschriften draufsatteln. "Eine nachhaltige
Entwicklung kann nicht einfach vom Staat verordnet werden", so
Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Gesellschaftliches Engagement und nachhaltige Entwicklung sind für
deutsche Unternehmen schließlich keine Fremdwörter. Im Gegenteil, die
große Mehrheit der Unternehmen hier zu Lande engagiert sich unabhängig von
der Betriebsgröße längst auch für soziale Zwecke, ermittelte das Institut
für Mittelstandsforschung. Das Spektrum ist regenbogenbunt: Der Chemie-
und Pharmaspezialist Altana fördert Spitzenschüler und -forscher. BASF
beteiligt sich an der Initiative für Beschäftigung, um jungen Arbeitslosen
eine Brücke ins Berufsleben zu bauen. Ruhrgas unterstützte die
Restaurierung des Bernsteinzimmers in St. Petersburg. Bei der Deutschen
Bahn machen Azubis gegen Fremdenfeindlichkeit und Vandalismus mobil. Die
Deutsche Bank initiiert mit Know-how und Geld in armen Ländern
Micro-Credit-Programme für Kleinbauern und -händler. Und voriges Jahr
verpflichtete sich die deutsche Wirtschaft insgesamt, in einem
Ausbildungspakt allen ausbildungsfähigen und -willigen Jugendlichen eine
Lehrstelle anzubieten.
Gemeinsam ist diesem Engagement nicht allein der freiwillige Charakter.
Oft nutzen die Unternehmen ihre Kernkompetenz für soziales Engagement und
profitieren selbst in Form einer höheren Reputation, motivierter
Mitarbeiter, mehr soziale Kompetenz in der Belegschaft oder sozialem
Frieden am Standort. Eigennutz als Motiv zur Stiftung von Gemeinnutz - das
ist auch das Motto der "Initiative Freiheit und Verantwortung". Diese Initiative haben die
WirtschaftsWoche und die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, BDI, BDA, DIHK und ZDH
im Jahr 2000 begründet, um das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zu fördern.
Schirmherr ist Bundespräsident Horst Köhler. Zu den Grundsätzen
gehören Freiwilligkeit, Effizienz und Nachhaltigkeit des Engagements.
Einige NGOs erkennen Eigennutz als Motiv zur Übernahme von Verantwortung
an. "Wir wollen keine lebenslangen Feindschaften, sondern suchen
friedliche Kooperationen mit Win-Win-Effekten", betont Gerd Billen vom
Naturschutzbund Nabu. Anfang der Neunzigerjahre startete Nabu eine
Kampagne mit Tengelmann; die Einzelhandelskette verbannte
Schildkrötensuppen und Froschschenkel aus ihren Verkaufsregalen, der
Naturschutzbund vermittelte Kontakte zu Ökoproduzenten und trommelte für
das Projekt. Eine neue Kooperation startete Nabu in diesem Mai: Der
Mobilfunkanbieter Vodafone baut sein Angebot aus und startet mithilfe des
Verbandes eine Naturschutz-plattform, der im Gegenzug 600 000 Euro jährlich
erhält.
Viele CSR-Aktivitäten lohnen indes nicht. Bei KarstadtQuelle kostet das
CSR-induzierte Supply-Chain-Management "viel Geld", räumt Manager Koeppe
ein und meint: "Irgendwann muss uns der Verbraucher dafür bezahlen." Die
Hoffnung, "CSR für Karstadt als Wettbewerbsinstrument gegen die Discounter
zu nutzen" , sei bislang nicht aufgegangen. Während der Kaufhausriese
Probleme hat, klingeln bei Aldi, Lidl und Co. die Kassen, deren eigene
soziale Verantwortung quasi in einem preiswerten Warenangebot für die
Verbraucher besteht und von diesen honoriert wird.
Für die Manager steigen mit dem CSR-Druck die Anforderungen an ihre
Führungsqualitäten. Sie müssen gesellschaftliches Engagement dem höheren
sozialen Ziel einer nachhaltigen Sicherung ihres Unternehmens unterordnen.
Sie müssen "Souveränität und den Mut haben", fordert Nestlé-Ehrenpräsident
Maucher, NGOs mit unternehmensfernen Forderungen genauso entgegenzutreten
wie Managern, die Philantropie auf Firmenkosten betreiben. „Und die Politik muss den Mut aufbringen, die soziale Marktwirtschaft nicht zum Ablasskapitalismus zu dekretieren. »
Leitfaden für Manager
Professor Wieland weist Wege, wie Manager Ethik gewinnbringend
im Unternehmen einsetzen
Wirtschaft und Ethik, diese beiden Begriffe
waren lange Zeit in unterschiedlichen Welten zu Hause und wollten
nicht so recht zusammenkommen. Die Ökonomen warfen den Philosophen und Theologen vor, keine
berechenbaren Ergebnisse zu liefern, und umgekehrt zogen sich die
Ethiker oft zurück, da ihre Appelle nicht befolgt wurden.
Eine solide Brücke hat der Konstanzer Wirtschaftsethiker Prof.
Dr. Josef Wieland gebaut. Er zeigt auf, wie Ethik den wirtschaftlichen
Erfolg von Unternehmen und Organisationen beeinflusst, und beschreibt,
mit welchen konkreten Maßnahmen ein ethischer Wandel vollzogen
werden kann. Mit seiner Theorie der so genannten „Governance moderner
Gesellschaften“, die international hohes Renommee genießt,
erbringt er den Nachweis, dass wirtschaftlicher Erfolg und moralisches
Engagement kein Widerspruch sein müssen, sondern ganz im Gegenteil:
dass sich beides als Bedingung nachhaltiger Unternehmensentwicklung
erweist.
Mit seinen wissenschaftlichen und anwendungsorientierten
Ergebnissen unterstützt Wieland global agierende Unternehmen wie BASF
oder DaimlerChrysler, aber auch kleine und mittelständische
Firmen.
Mangelnde Ethik - ein unternehmerisches Bestandsrisiko
Dass Ethik den wirtschaftlichen Erfolg beeinflusst,
zeigen Fälle wie Enron
in den USA oder EM.TV in Deutschland sowie Korruptionsskandale in der Baubranche.
Hier avancierten nicht vorhandene oder unerwünschte Werte bei Führungskräften
und Mitarbeitern zum Bestandsrisiko für das Unternehmen. „Die Skandale
zeigen auch, dass es nicht reicht, sich auf formale Kontrollsysteme zu verlassen.
Vielmehr müssen informale Steuerungsmechanismen wie Werte und Moral integriert
werden“, erläutert Prof. Wieland. Aber wie sollen diese Steuerungsmechanismen
aufgebaut sein und wer setzt sie um? Auf diese Fragen gibt Prof. Wieland, der
sich mit dem anwendungsorientierten Aspekt von Ethik befasst, mit seinem Wertemanagementsystem
eine Antwort. Das von ihm entwickelte Instrument dient zur Prävention
von Wirtschaftskriminalität, mobilisiert Werte in Unternehmen und unterstützt
global tätige Konzerne bei der Entwicklung und Einführung ihrer Unternehmenskultur.
Die Größe der Firmen spielt dabei keine Rolle. „Das System ist so
entwickelt, dass es in der kleinen Arztpraxis wie auch bei global tätigen
Firmen wie BASF oder ABB zur Anwendung kommt“, erläutert Prof. Wieland.
Ethik im Praxistest
„Mit unserem Instrument werden die Werte eines Unternehmens - wie z. B. Fairness
- mit den verschiedenen Ebenen des Managements wie der Strategie, der Organisation,
der Kommunikation und dem Controlling verbunden“, beschreibt Prof. Wieland sein
System. Im ersten Schritt müssen daher zunächst die Werte, welche die
Identität eines Unternehmens prägen, festgelegt werden. Der Grundwertekatalog
ist eine Art Visitenkarte der Firma. „Die hier beschriebenen Verhaltensstandards
stellen keinen Ist-Zustand dar, sondern sie bestimmen, wie in Konfliktsituationen
entschieden werden sollte“, erläutert Prof. Wieland.
Im zweiten Schritt muss die Geschäftsführung die Werte
im Alltag mit Leben erfüllen. Folgende Fragen sind hier beispielsweise
von Bedeutung: Spielen Verhaltensstandards eine Rolle bei der Auswahl
von Mitarbeitern? Sind sie Kriterium bei der Beförderung von
Mitarbeitern? Sind sie relevant bei der Auswahl und Bewertung von
Lieferanten? Existieren operationale Entscheidungskriterien für
Fragen wie Menschenrechte, Umweltschutz, Kinderarbeit etc., die über
die Aufnahme von Geschäftsbeziehungen oder eine Investition
in einem bestimmten Teil der Erde mitentscheiden? „Individuelle
Moral muss durch Organisation gestützt werden. Werte können
ein Positivsummenspiel sein, wenn sie integrierter Bestandteil
eines systematischen Managements sind“, so Prof. Wieland.
Das Wertemanagementsystem liefert dazu Leitlinien,
Kriterien, Checklisten und Beispiele. Anhand konkreter Bausteine
wird gezeigt, wie sich das System Schritt für Schritt aufbaut. Angefangen
mit Hinweisen, was bei der Formulierung eines Leitbildes berücksichtigt
werden muss, über Angaben dazu, welchen Personalaufwand die
Umsetzung des Systems benötigt. „Unternehmen mit bis zu 1000
Mitarbeitern sollten einen Projektbeauftragten für mindestens
ein Jahr bestimmen, der die operative Leitung übernimmt“,
erläutert Prof. Wieland. „Er unterstützt die Formulierung
der Leitlinien des Top-Managements, setzt Trainingsmaßnahmen
um und steuert die Kommunikation sowie die Evaluation.“
Im Bereich der internen Unternehmenskommunikation
sollten die Werte über unterschiedliche Wege publiziert werden, wie z.
B. über die Mitarbeiterzeitung, das Mitarbeitergespräch
und den Arbeitsvertrag. Aber auch bei der nach außen gerichteten
Kommunikation, die beispielsweise über die Pressearbeit oder
den Geschäftsbericht erfolgt, ist die Einbeziehung der Werte
wichtig.
Je nach Charakter des Unternehmens kann
das Wertemanagementsystem in bestimmten Teilbereichen, wie z.
B. im Risikomanagement, im Personalmanagement, im Qualitätsmanagement
oder im Corporate Citizenship, ein besonderes Gewicht bekommen.
Das Lernen neuer Regeln für den Umgang mit Ethik
„Wer das Wertemanagementsystem betreibt, beginnt einen permanenten Entwicklungsprozess,
der nicht auf das Gute, sondern sukzessive auf das Bessere zielt“, erläutert
Prof. Wieland. „Es geht nicht darum, Ethik zu verordnen. Das Problem ist, dass
man bei den Begriffen Ethik und Moral leicht ins Schwimmen gerät, wenn man
sie in der Praxis anwendet. Deshalb kommt man nur weiter, wenn man lernt, Regeln
zu finden, um mit Ethik umzugehen.“ Das Wertemanagementsystem leistet dazu einen
wichtigen Beitrag und bildet eine wertvolle Hilfestellung für Unternehmen.
Seine Erkenntnisse bring Prof. Wieland als
wissenschaftlicher Berater bei der Initiative Freiheit und Verantwortung
1 ein. Auf internationaler Ebene leitet Prof. Wieland eine Task-
Group der internationalen Vereinigung der Standardisierungsgremien
(ISO), die einen DIN-Standard zur Corporate Social Responsibility
erarbeiten soll. Die darin enthaltenen Leitlinien sollen die
Beachtung vorhandener Grundsätze stärken und zu einer
nachhaltigen Entwicklung auf dem Gebiet der sozialen Verantwortung
beitragen. Der Ausschuss begleitet die Arbeiten des entsprechenden
Gremiums bei der ISO und bringt die deutsche Position in die
internationale Arbeit ein.
Unternehmensethik als Bestandteil der Governance moderner
Gesellschaften
Das anwendungsorientierte Wertemanagementsystem
ist in die Theorie der Governance moderner Gesellschaften eingebettet.
Diese Theorie beschreibt, über welche
Spielregeln moderne Gesellschaften gesteuert werden. Zu diesen Spielregeln
gehören beispielsweise Gesetze und die Kultur einer Gesellschaft oder
von Unternehmen, aber auch die persönlichen Werte von Individuen.
Beim Wertemanagementsystem liegt der Fokus
auf den Selbststeuerungsmechanismen in der Wirtschaft. Die Theorie
der Governance moderner Gesellschaften wurde von Prof. Wieland
innerhalb der letzten 15 Jahre entwickelt und ist eine der führenden Theorien der wirtschafts- und unternehmensethischen
Diskussion. Ihre Entwicklung wurde durch das Bundesministerium
für Bildung und Forschung sowie durch das Landesforschungsprogramm
Baden-Württemberg „Innovative Projekte“ gefördert. Seit
2003 treffen sich jährlich führende Wirtschafts- und
Unternehmensethiker unterschiedener europäischer Hochschulen,
um in Konstanz die Ergebnisse von Prof. Wieland zu diskutieren.
Die Veranstaltungen werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
getragen.
Autor: Prof. Dr. Josef Wieland, FH Konstanz und wissenschaftlicher
Berater der Initiative Freiheit und Verantwortung
Antriebsfeder
Eigennutz
Ein Beitrag von McKinsey-Chef Kluge Das Wort Eigennutz hat besonders in Deutschland einen eindeutig
negativen Beigeschmack. In Verbindung mit Wirtschaft ist Eigennutz
mit der schlimmste Vorwurf, den man einem Unternehmer machen kann.
So denken viele. Er erinnert an Profitgier, an das Schreckgespenst
des sozial isolierten Managers, der nur einen Grundsatz kennt: die
Maximierung des Gewinns und des Shareholder Value sowie seines eigenen
Wohlstands auf Kosten anderer.
Schon ohne den Vorwurf, eigennützig zu handeln,
ist das Bild vom deutschen Unternehmer in der Öffentlichkeit
ähnlich schlecht wie das der Politiker. Und das ist sehr schlecht!
Von 360.000 Befragten bei der Umfrage Perspektive-Deutschland hatten
gerade einmal noch 3 Prozent Vertrauen in die politischen Parteien.
Aber auch die Verhaltensweisen von Unternehmen stehen zunehmend
im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der Vertrauensverlust
in die Verantwortlichen vor allem in den Konzernen ist weit verbreitet.
Die Skandale, die der Absturz der New Economy hinterlassen hat,
sowie die öffentliche Debatte um vermeintlich überzogene
Einkünfte deutscher Manager in Verbindung mit dem neuen Corporate-Governance-Kodex
haben zu einer weiteren Verschlechterung des Unternehmensimages
geführt. Und auch dieses war nicht gut!
Die Betrügereien von einigen wenigen Unternehmen
haben dem Ansehen der Wirtschaft und insbesondere der Topmanager
massiv geschadet. Die Zahl derjenigen, die großen Unternehmen
nicht mehr trauen, ist deutlich gestiegen. Das hat eine für
das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos erstellte Umfrage
ergeben. Drastisch gesunken ist dagegen die Vorstellung, dass diese
Unternehmen etwas Positives für die Gesellschaft leisteten.
Im Rahmen der Untersuchung wurden 36.000 Menschen in 47 Ländern
befragt. Das 33. Weltwirtschaftsforum stand auch deshalb unter dem
Motto „Building Trust“. Wie kann das angekratzte Image
der Unternehmen wiederhergestellt werden? Wie kann Vertrauen zurückgewonnen
werden?
Könnte eine Antwort heißen: durch Eigennutz?
Für Adam Smith, den Begründer der modernen Nationalökonomie,
ist Eigennutz die entscheidende Antriebsfeder auf dem Weg zum Gemeinwohl.
Handelt jeder eigennützig, ist das für das gesamte System
am besten. Smith sieht den Eigennutz nicht nur ausgesprochen positiv,
für ihn ist das wirtschaftliche Eigeninteresse des Einzelnen
sogar entscheidend für die Wohlfahrt aller.
Tatsächlich: Aus welcher Motivation auch immer
– ein Großteil der Unternehmen engagiert sich immer
mehr und zumeist auch ohne großes Aufheben für das Gemeinwohl.
Auch das hat eine Umfrage ergeben. Acht von zehn Unternehmen in
Deutschland beispielsweise setzen sich freiwillig für soziale
Belange ein, wie das Bonner Institut für Mittelstandsforschung
herausgefunden hat.
Welche Normen gelten heute für die Wirtschaft?
Wann verhält sich ein Unternehmen richtig und wann falsch?
Welche Ansprüche an Manager sind sinnvoll, welche nicht? Natürlich:
Gute Unternehmensführung folgt in erster Linie betriebswirtschaftlichen
Argumenten. Vorrangige Aufgabe des Unternehmers ist es, Gewinne
zu erwirtschaften, innovativ zu sein, profitables Wachstum zu erzeugen
und damit den Wohlstand zu mehren. Aber ist das alles? Die Anforderungen
und Erwartungen sind längst gestiegen: Der Konzern als guter
Bürger, als Corporate Citizen, steht zunehmend in der Pflicht,
nicht nur die ökonomische, sondern auch die ökologische,
soziale und ethisch-moralische Nachhaltigkeit seines Wirtschaftens
zu belegen. Unternehmen werden immer mehr als integraler Bestandteil
ihres Umfelds gesehen.
Neue Unternehmenskultur
Corporate Citizenship hat in Deutschland noch eine
junge Tradition, aber eine schon vorzeigbare Entwicklung. Immer
mehr Unternehmen engagieren sich als gute Bürger für das
Gemeinwohl und übernehmen so gesellschaftliche Verantwortung.
Wenn wir heute nicht mehr so sehr wie noch vor einigen Jahren über
Downsizing sprechen, sondern über Corporate Citizenship und
Corporate Social Responsibility, dann macht dies einen politischen
Klimawandel und auch eine neue Unternehmenskultur deutlich: Gesellschaftliches
Engagement wird vom Management zunehmend auch als ein wichtiger
Wirtschaftsfaktor gesehen.
Unternehmen, die am Markt erfolgreich sein wollen,
überlegen mehr denn je, wie sie sich sozial, ökologisch
oder kulturell engagieren, weil das ihr Image und damit auch ihre
Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Corporate Citizenship bringt
sozusagen eine doppelte Rendite – für das Unternehmen
und für die Gesellschaft.
Oder anders ausgedrückt: Bürgerliches
Engagement ist eine Win-Win-Situation, von der beide Seiten profitieren.
Wer ein guter Corporate Citizen ist, verbessert seine Beziehungen
zu seinen Stakeholdern und das kann für sein Geschäft
nur von Vorteil sein. Die „Wirtschaftswoche“ zitiert
den amerikanischen Personalberater Bob Schout mit den Worten: „Wer
als CEO mit Tunnelblick nur Business als Business betrachtet, der
schießt sich in den Fuß. Wer gesellschaftliches Engagement
ablehnt, handelt kurzsichtig.“
Abgesehen von einigen Skandalen in der jüngsten
Zeit überrascht es nicht, dass sich die Frage nach dem Ziel
und der Verantwortung unternehmerischen Handelns gerade jetzt neu
stellt. Auslöser sind fundamentale Veränderungen in Wirtschaft
und Gesellschaft:
- Multinationale Unternehmen agieren in einer Welt,
in der es immer weniger Grenzen und immer mehr Transparenz gibt.
Tatsächliche oder vermeintliche Vergehen werden heute umgehend
publik und von Lobbygruppen und Konsumenten geahndet. Unternehmen
müssen solche Reaktionen künftig stärker als bisher
antizipieren und bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
- Stärkerer Wettbewerbsdruck zwingt Unternehmen,
nach neuen Wegen zur Differenzierung zu suchen. Ein möglicher
Ansatzpunkt ist der allmähliche Wertewandel, der sich vor allem
in den Gesellschaften der Industrieländer abzeichnet. Gerade
jüngere Menschen entwickeln neben allen Konsumbedürfnissen
eine stärkere Sensibilität für soziale und ökologische
Probleme. Damit einher geht ein verstärkter Wunsch nach ethisch
unbedenklichen Produkten. Wer diesen Wunsch erfüllt, kann nachhaltige
Wettbewerbsvorteile aufbauen, übrigens auch mit Blick auf die
Rekrutierung von Toptalenten. Hier wird ein an Werten orientiertes
Unternehmen eher überzeugen können als seine Wettbewerber.
Sympathische Marken
Ethisches Verhalten schafft nicht nur Ansehen,
sondern auch Wert. Konsumenten sind bereit, für Marken wie
Fari Trade fast doppelt so viel zu zahlen wie für herkömmliche
Produkte. Nach Umfragen schätzen zwischen 75 und 85 Prozent
der Konsumenten Unternehmen als sympathisch ein, die sich für
Soziales, die Umwelt und Menschenrechte engagieren. Und diese Sympathie
schlägt sich auch in den Kaufentscheidungen nieder.
Diese und andere sich gegenseitig ergänzende
und verstärkende Entwicklungen werden die normative Basis des
Wirtschaftens verändern. Sie wird künftig u.a. geprägt
sein durch
die Erkenntnis, dass es sich lohnt, wenn Wirtschaften
nicht nur Wachstumszielen, sondern auch ökologischen, sozialen
und ethischen Grundsätzen verpflichtet ist sowie durch
ein stärkeres soziales Engagement von Unternehmen,
das mit einer "Verwirtschaftlichung", Professionalisierung
und damit einer teilweisen Entidealisierung des Non-Profit-Sektors
einhergehen wird.
An die Wirtschaft sind dabei keine strengeren Maßstäbe
anzulegen als an die Gesellschaft allgemein. Die Zeichen stehen
insgesamt aber eindeutig auf mehr Verantwortung und Ethik in der
Wirtschaft.
Im Vergleich zu Europa ist es in den USA allgemein
akzeptiert, dass Unternehmen quasi ausschließlich ein Ziel
haben: Produkte und Dienstleistungen anzubieten, welche die Bedürfnisse
der Konsumenten befriedigen und die Anteilseigner mit einer angemessenen
Kapitalverzinsung versorgen. In Europa dagegen gilt es als inakzeptabel,
die Wertsteigerung des Unternehmens über die als berechtigt
angesehenen Interessen von Staat und Gesellschaft zu stellen. Europäische
Unternehmen haben eine Vielzahl von Stakeholdern zu befriedigen
– neben Konsumenten und Anteilseignern vor allem die Mitarbeiter,
die jeweiligen Kommunen bzw. Regionen, den Staat und die Umwelt.
Dadurch haben die Europäer exzellente Voraussetzungen,
sich auf den neuen Wertekanon einzustellen. Noch mehr: Sie können
eine Führungsrolle übernehmen und damit nicht zuletzt
ihre Wettbewerbsposition nachhaltig verbessern. Dafür müssen
sie allerdings in einem entscheidenden Punkt von den Amerikanern
lernen: Sie dürfen sich nicht länger davor „fürchten“,
Gewinne erwirtschaften zu wollen.
Was in den USA ein selbstverständliches Ziel
wirtschaftlichen Handelns ist, hat in Europa, gerade auch in Deutschland,
noch immer etwas Anrüchiges. In einer Umfrage des Instituts
der deutschen Wirtschaft im Frühjahr 2001 sahen es nur 8 Prozent
der Deutschen als vordringlichste Aufgabe von Unternehmen an, Gewinne
zu realisieren und zu investieren. Knapp 40 Prozent erwarteten von
Unternehmen vor allem, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen.
Dass ein Unternehmen Gutes, etwa in Form von neuen, zukunftssicheren
Arbeitsplätzen, aber nur tun kann, wenn es wirtschaftlich erfolgreich
ist – diese Erkenntnis hat sich in Europa bis heute nicht
überall durchgesetzt.
Tugend muss nutzen
Im Gegenteil: Engagiert sich ein Unternehmen für
soziale oder ökologische Belange, werden ihm häufig unlautere
Motive unterstellt: „Nur eine PR-Masche“, lautet dann
das Urteil – ein Fehlurteil, wie wir wissen. In den USA muss
Tugend nicht schön sein, sondern nützlich. In Europa muss
moralisches Verhalten eher weh tun. Und profitabel darf es schon
gar nicht sein. Eine solche Einstellung ignoriert aber den Existenzzweck
von Unternehmen und geht damit an der Realität vorbei.
Auch Sie, Unternehmer und Entscheider, sind gefordert,
aus der Defensive zu kommen. Sie müssen selbstbewusst Win-Win-Situationen
schaffen, die sowohl den eigenen betriebswirtschaftlichen Zielen
dienen als auch den Erwartungen der Gesellschaft gerecht werden.
Wie lohnend eine solche Symbiose aus Gewinnstreben und Wertekanon
sein kann, haben einige europäische Unternehmen bereits vorgemacht:
Sie nutzen das vorhandene Wertesystem als Vorteil im globalen Wettbewerb.
Was bedeutet das nun konkret für das einzelne
Unternehmen? Bei der Erarbeitung der Unternehmensstrategie ist der
zunehmenden Bedeutung der „neuen“ Werte Rechnung zu
tragen – zum Wohl des Unternehmens und seiner Anteilseigner
wie auch zum Wohl der Gesellschaft. Aus Sicht des Unternehmens sind
dabei vor allem vier Themenfelder zu adressieren:
Werte unabhängig von aktuellen Krisen formulieren
und konsequent
anwenden
Standards in der Branche setzen
Partnerschaften aufbauen
Nicht nur Gutes tun, sondern auch darüber reden.
Lassen Sie mich kurz auf einige dieser Themen eingehen.
Orientierung an Werten bedeutet mehr, als nur auf Krisen oder gestiegene
Erwartungen einzelner Interessengruppen zu reagieren. Eine konsequente
Ausrichtung der Unternehmensstrategie auf einen veränderten
Wertekanon setzt zunächst eine klare Vision voraus, die den
Sinn und Zweck des Unternehmens beschreibt: Welchen Kundennutzen
will das Unternehmen bieten, welche Ziele will es erreichen? Inwieweit
wird den im Umfeld relevanten Werten und Normen Rechnung getragen?
Wie sehen mögliche Zukunftsszenarien aus? Die Glaubwürdigkeit
eines Unternehmens lässt sich daran messen, inwieweit diese
Vision im Tagesgeschäft mit Leben gefüllt wird. Verstößt
ein Unternehmen gegen den eigenen Wertekanon, ist die „Fallhöhe“
umso größer.
Auch McKinsey hat seine Ziele seit langem klar
formuliert: „To help our clients make distinctive, lasting,
and substantial improvements in their performance and to build a
great Firm that is able to attract, develop, excite, and retain
exceptional people.“ Dieser Anspruch spiegelt sich in verbindlichen
Prinzipien wider. Dazu gehören u.a. die professionelle Unabhängigkeit,
die Verpflichtung, immer beste Ergebnisse zu liefern, das Prinzip
„Client first – Firm second – Self third“
sowie eine offene Unternehmenskultur mit der „Obligation to
Dissent“, dem Recht, ja der Verpflichtung eines jeden Mitarbeiters,
seine eigene Meinung zu vertreten.
Pro-bono-Projekte
Der gesellschaftlichen Verantwortung wird McKinsey
mit so genannten Pro-bono-Projekten gerecht. In diesen Projekten
stellen die Berater ihr Know-how der Öffentlichkeit kostenlos
zur Verfügung. Allein McKinsey Deutschland hat in den vergangenen
15 Jahren fast 50 Klienten auf Pro-bono-Basis beraten, darunter
die Deutsche Oper Berlin, das Deutsche Museum, die Handelshochschule
Leipzig oder die Deutsche Schlaganfall-Hilfe bis hin zur Goethe-Gesellschaft
und den Paralympics. Dem Wertesystem McKinseys sind sämtliche
Büros weltweit verpflichtet. Alle Klienten rund um den Globus
wissen demnach, was sie erwarten können.
Unser jüngstes Pro-bono-Engagement ist die
Initiative MittelstandPlus unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister
Wolfgang Clement. Diese Initiative hilft mittelständischen
Unternehmen bei ihrer Suche nach erfahrenen Managern aus verschiedenen
Branchen für ihre Beiräte und Aufsichtsräte. Ziel
der Initiative, die vom DIHK, der KfW und der Wirtschaftswoche unterstützt
wird, ist es, den Unternehmen Expertenwissen zugänglich zu
machen und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter zu steigern.
Als ein weiteres Thema hatte ich den Aufbau von
Partnerschaften erwähnt. Für die Durchsetzung einer an
Werten orientierten Unternehmensstrategie können Partnerschaften
äußerst nützlich sein. Auf diese Weise lassen sich
Kompetenzen bündeln und relevante Interessen aufeinander abstimmen.
Dass solche Partnerschaften oftmals eine sehr große Hebelwirkung
haben, zeigt das Beispiel McKinsey bildet. Dabei handelt es sich
um ein Netzwerk zur Aufdeckung und Beseitigung der Missstände
im deutschen Bildungssystem. Wissenschaftler, Unternehmensführer,
politische Entscheidungsträger, Künstler und Medien konnten
für diese Initiative gewonnen werden. Profitiert davon hat
vor allem die Gesellschaft. Wichtige Themen wurden neu durchdacht.
Gleichzeitig konnte McKinsey Kompetenz beim Thema Wissen unter Beweis
stellen. Die Erfahrung zeigt, dass solche Partnerschaften mit genauso
viel Aufmerksamkeit und Professionalität gemanagt werden müssen
wie andere, normale Geschäftsprojekte.
Ich sprach im Zusammenhang mit den vier zu beachtenden
Themenfeldern auch die Kommunikation der Werte und die damit verbundenen
Aktivitäten an. Nur wenn das soziale oder ökologische
Engagement bei Zielgruppen wie Investoren oder Konsumenten auch
bekannt ist, kann das Unternehmen einen Nutzen daraus ziehen. Hier
besteht in der Regel noch erheblicher Nachholbedarf. So wissen zum
Beispiel nur 2 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass große
Unternehmen wie DaimlerChrysler oder Allianz sich auch sozial engagieren.
Interne Kommunikation
Oft vernachlässigt wird auch die interne Kommunikation.
Sind die Mitarbeiter mit der Vision und den an Werten orientierten
Leitmotiven des Unternehmens vertraut? Haben sie die Möglichkeit,
das soziale oder ökologische Engagement ihrer Firma mitzuprägen
und mitzuerleben? Wie sehr gerade dies zur Motivation beitragen
kann, hat sich zum Beispiel bei startsocial gezeigt, dem Business-Wettbewerb
für soziale Ideen. Zu den Sponsoren gehörten u.a. ProSieben,
Sat.1, Gerling und McKinsey. Mitarbeiter dieser und vieler anderer
Unternehmen arbeiteten ehrenamtlich als Coaches und Mentoren für
die teilnehmenden sozialen Projekte. Insgesamt 20 Mannjahre wurden
so mit großem Enthusiasmus in eine gute Sache investiert.
Und es wurden allen Beteiligten neue Horizonte eröffnet. Von
der Begeisterung ihrer Mitarbeiter und der freigesetzten Kreativität
konnten auch die Unternehmen selbst profitieren.
Für mich gibt es keinen Zweifel: Bürgerliches
Engagement wird für Unternehmen zunehmend wichtiger, weil es
nicht nur gesellschaftspolitisch verantwortlich und moralisch lobenswert
ist, sondern zugleich auch ökonomisch klug und vorausschauend
ist.
Das gilt für Konzerne ebenso wie für
mittelständische Unternehmen. Eine im vergangenen Jahr erarbeitete
Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn
hat übrigens gezeigt, dass sich kleine und mittlere Unternehmen
mit maximal 99 Beschäftigten ungleich stärker engagieren
als größere Unternehmen. Dieser Teil des Mittelstands
ist bereit, in Relation zum Umsatz rund dreimal mehr für Corporate-Citizenship-Aktivitäten
auszugeben als die größeren Häuser.
Investitionen in Corporate Citizenship sind Investitionen
in die Zukunft. Dabei handelt es sich nicht um soziale Schwärmerei,
sondern um ein Engagement für die Gesellschaft, das sich wiederum
positiv auf den wirtschaftlichen Erfolg auswirkt. Doch nicht Altruismus
oder Angst vor Lobbygruppen sollten die Beweggründe sein. Das
Unternehmen als guter Bürger fühlt sich ökologischen,
sozialen und ethisch-moralischen Zielen verpflichtet und baut auf
diese Weise nachhaltige Wettbewerbsvorteile auf.
Antriebsfeder Eigennutz – unsere Unternehmen
sind gut beraten, diese zu nutzen!
Autor: Dr. Jürgen Kluge, McKinsey &
Company, Inc.
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