
WirtschaftsWoche-Autor
Dr. Christian Ramthun.
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CSR in Zeiten der Krise
Die Finanzkrise hat die Unternehmen viel Glaubwürdigkeit gekostet. Unternehmen müssen ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft neu ausrichten. Corporate Social Responsibility zählt zum Kerngeschäft. Von Christian Ramthun
Wenn Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner vor Wirtschaftsbossen über das Ansehen der Wirtschaft in der Gesellschaft referiert, dann zeichnet er kein schönes Bild. Da ist zum Beispiel der Chart mit der Frage: "Wer vertritt Gemeinwohl?" Auf dem zeigt Schöppner, dass 49 Prozent der Bürger den Gewerkschaften eine Gemeinwohlorientierung zugestehen und 41 Prozent der Politik. Doch nur 21 Prozent sind der Meinung, dies treffe auch für Unternehmen zu. Noch nie, sagt der Leiter des Meinungsforschungsinstituts TNS-Emnid, sei das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Bürgern so gespalten gewesen wie heute.
So richtig verwundert die reservierte Stimmung in der Bevölkerung nicht. Die Skandale und Krisen der jüngsten Zeit haben ihre Spuren in der öffentlichen Wahrnehmung hinterlassen. Mit unverantwortbaren Finanzkonstrukten haben die Banken die weltweite Wirtschaft aufs Spiel gesetzt und gefährden nun Millionen Arbeitsplätze. Das Traditionsunternehmen Siemens hat sich mit Schmiergeldzahlungen Aufträge gesichert; die Telekom hat Politiker, Journalisten, Mitarbeiter und eigene Aufsichtsräte abgehört - in vielen Jahren aufgebautes Vertrauen wurde binnen kürzester Zeit zerstört.
Dabei bemüht sich die Wirtschaft seit Beginn dieses Jahrzehnts besonders um gesellschaftliche Verantwortung und Vertrauen. Auch die Deutsche Bank, Siemens und die Telekom sprachen von Corporate Social Responsibility (CSR), nannten sich "gute Bürger der Gesellschaft" (Corporate Citizens), förderten Kultur und Bildung, bekannten sich zum Umweltschutz oder richteten eine seelsorgerische "Nummer gegen Kummer" für hilfesuchende Jugendliche ein (Telekom).
Und nun? Am meisten verunsichert ist die CSR-Community selbst, eine motivierte und engagierte Gemeinschaft von Unternehmern und Mitarbeitern, Wissenschaftlern und Ehrenamtlichen. Sie ringen mit Selbstzweifeln und kämpfen um ihre Glaubwürdigkeit, wie Anfang Dezember 2008 in Berlin. Dort dominierte die Wie-geht’s-weiter-Frage das Symposium der Initiative Freiheit und Verantwortung, einen Arbeitskreis aus Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und der WirtschaftsWoche. Ziel der im Jahr 2000 gegründeten Initiative unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler ist es, das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zu fördern.
"Wir dürfen und werden das Feld nicht den wenigen schwarzen Schafen überlassen, die durch soziales und ethisches Fehlverhalten die gesamte Wirtschaft in der öffentlichen Wahrnehmung in ein schlechtes Licht rücken", betonte ZDH-Präsident Otto Kentzler vor der geladenen CSR-Gemeinschaft. Und DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun bekräftigte sein Leitbild: "Wir können selbst an dieser Welt, wo immer wir sind, etwas verbessern." Beispiele dafür lieferten an diesem Dezembertag die Preisträger - vom Schreinermeister, der straffällig gewordenen Jugendlichen die Chance einer Ausbildung gibt, über den TÜV Hessen mit seinem technischen Grundschulprojekt bis hin zum Stahlkonzern ThyssenKrupp, der in den vergangenen vier Jahren 30 Millionen Euro ausgab, um dem Nachwuchs technische Berufe schmackhaft zu machen.
Doch offensichtlich liefen die Entwicklungen in einzelnen Unternehmen zuletzt in gegenläufige Richtungen. Die Banken zum Beispiel bauten auf der einen Seite ihre CSR-Aktivitäten kräftig aus: Die Dresdner Bank richtet einen Victor-Klemperer-Wettbewerb für mehr Toleranz unter Schülern aus, und die Deutsche Bank ist stolz auf ihre millionenschwere Förderung von Kunst, Bildung und sozialem Engagement. Auf der anderen Seite entwickelte sich das Kerngeschäft der Banker nicht gerade verantwortungsbewusst: In den Investmentabteilungen bastelten sie an hochkomplexen Zertifikaten, am Schalter verkauften sie ahnungslosen Kunden die inzwischen berüchtigten Papiere - und die Vorstände erstickten Anflüge von Verantwortungsgefühl mit Bonuszahlungen für den kurzfristigen Erfolg.
Diese Parallelwelten sind das Kernproblem, sagt Joachim Schwalbach von der Berliner Humboldt-Universität. Der Leiter des Instituts für Management und wissenschaftliche Berater der Initiative Freiheit und Verantwortung sieht die CSR-Bewegung keineswegs am Ende. Gescheitert sei lediglich, CSR im Schaufenster oder für die Kulisse zu betreiben. Tatsächlich ist CSR in vielen Unternehmen Sache der Kommunikationsabteilungen und externer PR-Berater. Dies gelte auch für die Banken, die freilich, so Schwalbach, "bei CSR den größten Nachholbedarf haben".
In der Textilwirtschaft zum Beispiel zieht sich das Thema gesellschaftliche Verantwortung längst durch die gesamte Wertschöpfungskette. So versuchen Kontrolleure sicherzustellen, dass schon die Zulieferer in Indien oder China Mindestsozialstandards einhalten und keine Kinder beschäftigen.
Den Kreditinstituten ist jedoch zugute zu halten, dass sich bislang auch kaum ein Stakeholder für die Herkunft der Finanzprodukte interessierte, weder die gern alarmistischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) noch nachhaltigkeitsbewusste Bürger.
Mit diesem Sonderstatus der Banken dürfte es durch die globale Finanzkrise vorbei sein. Bei der Deutschen Bank spricht man neuerdings von "New CSR", Nachhaltigkeit und Verantwortung sollen allen Mitarbeitern in Fleisch und Blut übergehen. Die Krise, in der "Old CSR" steckt, birgt damit die Chance einer qualitativen Weiterentwicklung.
Zwar mag die Wirtschaft in der Öffentlichkeit das Odium des Verantwortungslosen umwehen. Aber die unmittelbaren Stakeholder schätzen das Engagement der Unternehmen nach wie vor. Peter Kromminga von der Organisation upj (Unternehmen: Partner der Jugend), die Firmen für gemeinnützige Projekte wie Spielplatzsanierungen oder Fahrsicherheitstrainings für junge Leute akquiriert und berät, sagt: "Unternehmen, die Werte leben, sind nicht in der Schusslinie." Sondern: An der Nahtstelle zwischen Unternehmen und Gesellschaft sei CSR der Schlüssel, um Vertrauen nach innen wie außen aufzubauen.
Auch die Verbraucher honorierten mehr denn je unternehmerisches Verantwortungsbewusstsein, sagt Bernward Baule vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: "Der moralische Konsum steigt weiter." Statt wie früher großen Weltentwürfen anzuhängen, finde heute die Weltverbesserung im Kleinen statt, etwa beim Einkauf. Dabei differenziere der Bürger zwischen der allgemeinen Wirtschaft mit ihrem schlechten Image und Einzelunternehmen mit durchaus guten Eindrücken. Der bewusste Konsument lasse sich auch nicht für dumm verkaufen, ergänzt Baule. Das CSR-Engagement eines Unternehmens müsse sich im Produkt wiederfinden - was bei den meisten Banken eben nicht der Fall gewesen sei.
Selbst die Politik weiß die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung von Un- ternehmen zu schätzen, auch in der aktuellen Krise. So wollte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), das im Namen der Bundesregierung eine CSR-Strategie ausarbeitet, im Frühjahr noch mit dirigistischen Maßnahmen die Wirtschaft auf den rechten Pfad zwingen. Geplant waren ein CSR-Label, ein CSR-Pranger im Internet, CSR-Vergabekriterien und ein CSR-Stakeholderforum. Bald musste die Bundesregierung aber anerkennen, dass die Wirtschaft ihr CSR- Engagement seit Jahren auf- und ausbaut und dass der Staat nicht die CSR-Definitionshoheit besitzen kann. Konsequenz: Nun scheint sich die Bundesregierung mit einem CSR-Stakeholderforum begnügen zu wollen.
Einzelne Ministerien machen sich längst das Verantwortungsgefühl von Unternehmen zunutze. Familienministerin Ursula von der Leyen webt mit dem DIHK am Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie". Fast 2000 Unternehmen beteiligen sich, sie tauschen Erfahrungen zur familienfreundlichen Personalführung aus, halten Mütter und manche Väter mit flexiblen Arbeitszeiten oder Kinderbetreuungsangeboten im Betrieb. Für den DIHK-Präsidenten Braun hat dies wenig mit Gutmenschentum zu tun, aber viel mit Betriebswirtschaft: "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein zunehmend wichtiges Mittel, um im Wettbewerb um Fachkräfte zu bestehen."
Mit dem Braun’schen Egoismus kann selbst die Kirche gut leben. Wirtschaftliches Handeln müsse so angelegt sein, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber beim Symposium der Initiative Freiheit und Verantwortung, "dass es unternehmerisch wie gesellschaftlich einen nachhaltigen Mehrwert herbeiführen kann" (siehe Seite 52).
Auch Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner rät am Ende, wenn er ausführlich über das Bild der Wirtschaft in der Gesellschaft referiert hat und den letzten Chart mit der Nummer 42 auflegt, sich für den verantwortungsvollen Dialog zu entscheiden. Dazu gebe es, ungeachtet des gegenwärtig miesen Images, keine Alternative.
Autor: Christian Ramthun
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